Evaluation Erzählsalons

„Erzählsalons als zukünftiges Regelinstrument des Beauftragten für die neuen Bundesländer“ - Empirische Untersuchung der Grenzen und Potentiale dieses Instruments (09/2021 - 01/2022)

Ausgangslage

Bei vielen Erfolgen im Aufbau Ost weisen Teilregionen der neuen Bundesländer einerseits im bundesweiten Vergleich besondere Strukturschwächen auf. Zugleich wirken die Umbrüche der Transformation nach der Wiedervereinigung nach, vor allem mental. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen, vor denen Deutschland und Europa stehen, stellen hier erhöhte Hürden dar. Zudem ist die Zufriedenheit der Bevölkerung mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage, der Entwicklung und den Leistungen der Politik deutlich schwächer ausgeprägt als im Westen. In Teilen sind besondere Ängste und Perspektivlosigkeit zu konstatieren. Dabei wird auch mangelnde Wertschätzung und Respekt vor der Lebensleistung der Menschen in den neuen Bundesländern immer wieder betont.

Der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder hat deshalb mit Förderung aus seinem Budget bislang drei inhaltlich unterschiedlich angelegte Erzählsalons unterstützt, zuletzt in der Corona-Pandemie als digitales Angebot. Zu ausgewählten Themen und teils mit regionalem Bezug haben dabei Menschen von ihren Erfahrungen, Empfindungen, Wünschen, Erwartungen und auch Enttäuschungen berichtet – in einem definierten Gesprächsrahmen mit Regeln, die vor allem das Zuhören ohne Unterbrechung ermöglicht haben.

Die Projekte sind wie beantragt und mit Erfolg umgesetzt worden. Ohne Vorerfahrungen mit diesem innovativen Veranstaltungsformat haben die Erzählsalons jedoch bislang Pilotcharakter, deren Effekte und Effektivität sowie der Potentiale genauer analysiert werden sollen. Es stellt sich die Frage, ob vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen auch Erzählsalons künftig als Regelinstrument gefördert werden sollen sowie ggf. wie die Förderbedingungen ausgestaltet und der Umfang dimensioniert sein sollten. Zudem hat die Regierungskommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ in Ihrem Abschlussbericht empfohlen, die Transformationserfahrungen der Menschen in Ostdeutschland durch mehrere Instrumente stärker zu nutzen und dafür auch Erzählsalons stärker finanziell zu unterstützen. Die folgenden drei bereits bewilligten Projekte sollen in diesem Zusammenhang sowohl hinsichtlich ihrer kurzfristig überprüfbaren Ergebnisse als auch der langfristig intendierten Impulse analysiert und bewertet werden, um im Anschluss das grundsätzliche Potential des Instruments im Hinblick auf eine mögliche Optimierung der Methode diskutiert werden.


Das erste Projekt „Die Lausitz an einen Tisch – Für Nachhaltigkeit und Wandel“  fand vom 01.06.2015 bis 31.10.2016 statt und bestand aus 18 Diskussionsforen in Orten mit De-Industrialisierung und brachliegenden touristischen Potenzialen.
Erfahrungsaustausch, Aktivierung und Vernetzung mit Pressearbeit und Veröffentlichungen der besten Erzählungen in Form von Broschüren und Büchern waren Gegenstand des Projektes und zugleich kurzfristig überprüfbare Ziele. Jenseits der verbindlichen Erfolgskriterien waren darüber hinaus Impulse intendiert, die Gemeinschaft konstituieren und bürgerschaftliche Engagement anregen, um touristische Potentiale der Orte zu entfalten.

Das zweite Projekt „Handwerk erzählt – Zwischen Tradition und Zukunft“ mit Laufzeit vom 01.03.2019 bis 31.10.2020 nutzte das Instrument der Erzählsalons, um authentische Berichte von Handwerksunternehmen, die zur Nachfolge anstehen, direkt mit Interessent*innen und potentiellen Nachfolger*innen zu teilen. Hier fanden in kleineren, ländlich geprägten Orten in Sachsen und Thüringen insgesamt 30 Erzählsalons statt. Diese wurden wiederum ergänzt durch Pressearbeit sowie Broschüren und Bücher mit den besten Geschichten. Ebenfalls wurden lokal Salonnièren ausgebildet, um die Möglichkeit der Fortführung von Erzählsalons auch nach der Projektlaufzeit zu schaffen.

In der Corona Pandemie wurden die Erzählsalons im Rahmen eines dritten Projekts unter dem Titel „Meine Geschichte, unsere Zukunft: Digitale Erzählsalons zur Deutschen Einheit“  erstmals nicht als klassische Präsenzveranstaltungen, sondern online angeboten. In einer ersten Staffel beteiligten sich 138 Erzähler*innen und über 10.000 Menschen sahen live und über die Projekthomepage die YouTube-Videos (Projektlaufzeit: 07.05.2020 – 07.12.2020). Auch nach der Projektlaufzeit wurden die Videos weiter abgerufen, so dass sich die Nutzer*innenzahlen weiter erhöht haben. Angesichts dieses Erfolgs, des großen Interesses und der Fortdauer der Pandemie wurden nochmals Projektmittel für eine zweite Staffel von wiederum 20 digitalen Erzählsalons bewilligt (Projektlaufzeit: 15.10.2020 – 15.07.2021). Die Publikationen erfolgten sowohl gedruckt als auch als eBook. Die Beiträge sind auf der Projekthomepage dokumentiert. Umfangreiche Presseberichterstattung und vielfache Beteiligung über Social Media traten hinzu. Die Onlinezugriffe liegen für beide Staffel zusammen nunmehr bei über 30.000.

Projektziele

Die beantragte Studie hat es sich zum Ziel gesetzt, einerseits die Wirksamkeit und die Effektivität der angewandten Methode des Erzählsalons auf der Grundlage der bereits geförderten Projekte empirisch zu evaluieren und andererseits die methodischen Prämissen des Instruments kritisch zu prüfen. Zu diesem Zwecke soll neben der empirischen Analyse der bisherigen Ergebnisse im Abgleich mit den vereinbarten Zielvorgaben des BMWi ebenso eine umfassende Methodenkritik durchgeführt werden, die besonderes Augenmerk auf die Eignung und Passgenauigkeit der angewandten Methode im Hinblick auf die langfristig intendierten Impulse im Sinne einer stattfindenden Konstitution von Gemeinschaft, der Förderung bürgerschaftlichen Engagements und der Entfaltung wirtschaftlich-sozialer Entwicklungspotenziale in Ostdeutschland und seinen Regionen legen soll.

Abschließend sollen auf der Grundlage der Analyseergebnisse sowohl fallorientierte als auch allgemeine Empfehlungen ausgesprochen werden und die Zweckmäßigkeit eines zukünftigen Langzeit-Monitorings diskutiert werden. Die Studie geht zu diesem Zwecke dreigliederig vor. Hinter den jeweiligen Arbeitspaketen befindet sich die Zuweisung der anfallenden Aufgaben an die Mitwirkenden. Als finales Produkt der Evaluation ist einerseits ein detailliertes Gutachten mit allen relevanten Ergebnissen und Empfehlungen im Umfang von 80-100 Seiten geplant und andererseits eine handliche Zusammenfassung der Kernaussagen, die 10 Seiten nicht übersteigen soll.

Projektförderung

Das Projekt wird gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi).

Projektleiter

Foto: Prof. Dr. phil. habil. Raj Kollmorgen
Prof. Dr. phil. habil.
Raj Kollmorgen
Fakultät Sozialwissenschaften
Standort 02826 Görlitz
Furtstraße 2
Gebäude G I, Raum 2.17
+49 3581 374-4259

Projektkoordinator

Dr. rer. pol.
Thomas Prennig
Institut für Transformation, Wohnen und soziale Raumentwicklung
Standort 02826 Görlitz
Parkstraße 2
Gebäude G VII, Raum 304
+49 3581 374-4496
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