Zum Tod des großen Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas (1929-2026)
Wer in den 1970er und 1980er Jahren in Deutschland Philosophie oder überhaupt eine Geistes- oder Sozialwissenschaft studierte, kam an Werk und Wirkung von Jürgen Habermas nicht vorbei. Er bestimmte in dieser Zeit und bis in die späten 1990er Jahre hinein nicht nur den akademischen Diskurs in seinen Forschungsfeldern wesentlich mit, sondern war eine öffentliche Figur, ein Intellektueller, der wie nur wenige neben ihm mit der progressiven Wissenschaft und Kultur der alten Bundesrepublik identifiziert wurde. Wie gestern bekannt wurde, ist er am 14. März 2026 in Starnberg am See mit 96 Jahren gestorben.
Jürgen Habermas, der 1929 in Düsseldorf geboren worden war, lernte als Kind und Jugendlicher das nationalsozialistische Herrschaftsregime (auch in der Rolle als lokaler Jungvolkführer) wie den Weltkrieg noch intensiv kennen, konnte sich aber der Einberufung in die Wehrmacht im Frühling 1945 entziehen. Diese frühen Erfahrungen haben sein Leben – und sein Denken – entscheidend geprägt.
Habermas studierte nach dem Abitur zwischen 1949 und 1954 im frühen Nachkriegsdeutschland an verschiedenen Universitäten Philosophie, Geschichte und Psychologie, aber auch Ökonomie und Literatur und promovierte 1954 in Philosophie. Seitdem war er auch publizistisch tätig und veröffentlichte zeit seines Lebens regelmäßig in Zeitungen und Publikumsjournalen (wie der ZEIT oder im Merkur). 1956 trat er eine Assistenstelle an der Universität Frankfurt/Main an und begann eine intensive Beschäftigung mit den Ansätzen und Studien des berühmten Instituts für Sozialforschung unter Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. 1961 habilitierte er sich mit der Studie zum „Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft“ und wurde erstmals zum (zunächst: außerordentlichen) Professor an die Universität Heidelberg berufen. 1964 erhielt er als Nachfolger von Max Horkeimer den Ruf auf den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt/Main. Einige Jahre später erschien die wirkmächtige erkenntnis- und (sozial-)wissenschaftstheoretische Schrift „Erkenntnis und Interesse“ (1968). Spätestens seit seiner Berufung in Frankfurt und mit dieser Veröffentlichung galt Habermas als wichtigster Vertreter der zweiten Generation der Kritischen Theorie der sogenannten „Frankfurter Schule“, zu deren erster Generation neben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno auch so einflussreiche Denker wie Herbert Marcuse, Erich Fromm oder Franz Neumann gehörten.
Eine neuer Arbeits- und Lebensabschnitt startete 1971 mit seiner Berufung als Ko-Direktor (gemeinsam mit Carl Friedrich von Weizsäcker) des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg (bei München). Hier entstanden weitere wichtige Werke (wie “Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“, 1973, oder „Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“, 1976). Vor allem aber legte er 1981, im Jahr der Schließung der Institutes und der Rückkehr an die Universität Frankfurt/Main sein opus magnum vor: die „Theorie des kommunikativen Handelns“.
In den folgenden anderthalb Jahrzehnten bis zu seiner Emeritierung (1994) und auch noch danach bis in die frühen 2000er Jahre folgten weitere einflussreiche sozialphilosophische Arbeiten, von denen hier nur einige wenige genannt werden sollen: „Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln“ (1983), „Der philosophische Diskurs der Moderne (1985), „Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaates“ (1992) oder „Die Einbeziehung des Anderen. Studien zur politischen Theorie“ (1996). Daneben publizierte er zahlreiche Texte essayistischer und zeitdiagnostischer Art in seiner eigenen kleinen Suhrkamp-Reihe „Kleine politische Schriften“ (I-XI, bis 2008).
Ohne hier auch nur ansatzweise die Breite und Tiefe seines Schaffens und dessen weitverzweigte Wirkungen auf viele Disziplinen, Themen und Forschungsstränge – zwischen Sozialphilosophie, Soziologie und Politwissenschaft bis Ethik, Pädagogik und Psychologie – ansprechen, geschweige denn verhandeln und bewerten zu können, sollen doch in vier Punkten zentrale Orientierungen und Leistungen, aber auch Grenzen der Theoriearbeit von Jürgen Habermas kurz notiert werden. Diese Notizen sind nicht nur deshalb deutlich subjektiv perspektiviert, weil Habermas einer der ersten westlichen Gegenwartsphilosphen war, mit denen ich mich – damals in (Ost-)Berlin an der Humboldt-Universität „marxistisch-leninistische Philosophie“ studierend (1985-1990) – intensiver auseinanderzusetzen versuchte, sondern weil seine Theorie mich auch später deutlich beeinflusst hat und ich ihn Mitte der 1990er Jahre nach der Vereinigung auch selbst auf Veranstaltungen als Zuhörer kennenlernen durfte.
1. Jürgen Habermas hat in für mich nahezu modellhafter Weise die doppelte Orientierung und Praxis einer „Kritischen Theorie“ als (immer auch: selbstreflexive) Erkenntnis- und Gesellschaftskritik verkörpert. Er war im besten Sinne ein engagierter Intellektueller, der als links-liberaler und sozialdemokratisch positionierter Geist dennoch nie eine politische Missionstätigkeit entfaltete oder gar eine (aktivistische) Indienststellung für einen politischen oder als politischer Akteur zuließ. Das wurde bereits in der sogenannten „Studentenrevolte“ der Jahre 1967-69 erkennbar, aber auch in vielen weiteren gesellschaftspolitischen Debatten (vom „Historikerstreit“ bis zuletzt in der Auseinandersetzung um den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine).
2. Habermas war ein grundsätzlich offener Denker, der keinerlei gesellschaftspolitische oder (lager-)ideologische Berührungsängste hinsichtlich bestimmter Theorietraditionen oder einzelner Forscher:innen kannte und kennen wollte. Das Kriterium seiner Lektüre war immer der Wissensgehalt und also die Möglichkeit eines kritischen Diskurses, der – wenn möglich – zu wechselseitigem Erkenntnisgewinn führen sollte, weshalb er sich mit Karl Marx ebenso befasste wie mit Max Weber, mit Wilhelm Dilthey wie mit Hans-Georg Gadamer, mit George Herbert Mead und Hannah Arendt wie mit Martin Heidegger oder mit Niklas Luhmann wie mit Jean-Francois Lyotard. Mehr noch, Habermas war nicht nur ein Vielleser und ,Vielverarbeiter‘, dessen Lektüren mich in meiner Lektüre mit mir vorher weitgehend unbekannten Teildisziplinen und Strömungen erstmals vertraut machte, etwa mit dem symbolischen Interaktionismus oder der Transzendentalpragmatik und überhaupt mit der Bedeutung der Sprachwissenschaft für die Sozialwissenschaften. Er war ein ausdrücklich synthetischer Denker oder anders formuliert: Wie nur wenige Theoretiker hat er es vermocht, die unglaubliche Breite und inhaltliche Pluralität relevanter theoretisch-konzeptueller Angebote nicht nur zu rezipieren, sondern sie auch noch in einem eigenen theoretischen Gebäude, das wesentlich auf der (originären) Kritischen Theorie fußt, produktiv und erklärungsmächtig zu integrieren und darin vor allem eine interpretativ-interaktionistische und sprachphilosophische Vertiefung vorzunehmen.
3. Seine Gesellschafts- und Entwicklungstheorie, wie sie entfaltetet in der „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) präsentiert wurde, ragt in ihrer Komplexität, ihrem Gehalt und zugleich ihrer zeitdiagnostischen Qualität weit aus der Masse der damaligen Versuche heraus – man könnte mit guten Argumenten sogar formulieren, dass ihr diesbezügliches Niveau bis heute kaum wieder erreicht wurde. Sowohl die innovative Fassung von (sozialen) Handlungstypen (darunter das neue „kommunikative Handeln“) und deren Rollen in der sozialen Praxis, die Konstruktion der Dualität von „System- und Lebenswelt(en)“ mit der Zeitdiagnose der „Kolonialisierung“ Letzterer durch Erstere als auch die Konzeptualisierung von sozialer Evolution zwischen lebensweltlicher Kreativität, kultureller Speicherung in sozial integrierten Gruppen, der Entstehung neuer Legitimationsbedürfnisse und der selektiven Systemisierung von Evolutionsschritten im Gefolge von Krisen und Umbrüchen repräsentieren bis heute substanzielle Beiträge zur sozialphilosophischen Welt- und Entwicklungserklärung, namentlich der westlichen Moderne(geschichte).
4. Das verweist zugleich auf einige – und erneut betone ich hier meine besondere Perspektive auf Habermas‘ Werk – problematische zeitdiagnostische Thesen. Diese erscheinen heute, dreißig bis vierzig Jahre nach ihrer Formulierung, selbstverständlich in einem anderen Licht, was ihre Diskussion aber nicht weniger relevant macht. Zwei möchte ich herausstellen: Zum einen haben sich die Hoffnungen einer (weitgehenden) Auflösung bisher dominanter nationaler, nationalstaatlicher und nationalistischer Orientierungen und sozialer Ligaturen (wie sozialen Identitäten), für die Habermas so einflussreiche Begriffe wie den „Verfassungspatriotismus“ oder die „postnationale Konstellation“ in die Diskussion einbrachte, offenkundig nicht erfüllt. Auch wenn Habermas damals durchaus Risiken bzw. Gegenbewegungen gesehen und sie angesprochen hat, stellt sich die Frage, ob seine grundsätzliche Erwartung nicht auch durch problematische theoretische Konstrukte (z.B. hinsichtlich des kommunikativen Handelns, der lebensweltlichen Bedeutung argumentativ kritisierbarer Geltungsansprüche oder der unbegriffenen Universalisierung westlicher Entwicklungsresultate und ‑ansprüche) bedingt war. Zum anderen hat seine Beschäftigung mit der DDR und Ostmitteleuropa ab den späteren 1980er Jahren zur These einer – nach dem staatssozialistischen Experiment – „rückspulenden Revolution“ und nachholenden Modernisierung des Ostens geführt. Diese blieb nicht unwidersprochen, und nicht nur, weil es ein Rückspulen in der Geschichte grundsätzlich nicht gibt, sondern auch weil die Behauptung eines Nachholen-müssens des Ostens eben deutlich dazu neigte, die eigenen (westlichen) institutionellen und kulturellen Entwicklungserfordernisse ebenso zu unterschätzen wie die alternativen Angebote im Osten als Ressource für den Westen und die Moderneentwicklung insgesamt.
Diese Einwürfe verstehen sich freilich in keiner Weise als Fundamentalkritik oder Abgesang. Das liegt auch daran, dass Habermas auf diese und andere Widerreden und Debatten immer offen, lernbereit und produktiv reagiert hat. Beide Themen verdeutlichen aber sicher, dass Habermas‘ Leben und Werk tief in der Epoche der westlichen und näher westdeutschen Nachkriegsgesellschaft verankert war, in deren Herkünften, Problemlagen und Risiken wie deren Zukunftserwartungen.
Diese Epoche verabschiedete sich in einer ersten Wendung mit und nach 1989/90 und endete wohl spätestens im (symbolischen) Jahr 2016, als nicht nur im neuen vereinigten Deutschland, sondern in fast ganz (West-)Europa die Proteste gegen die massenhafte Fluchtmigration aus Afghanistan und dem Nahen Osten rasant zunahmen und (wie so oft) eben keine gemeinsame und solidarische EU-Politik dazu ausgehandelt und in den Folgejahren realisiert werden konnte, ja für viele Beobachter:innen die „Krise der (liberalen westlichen) Demokratie“ geradezu handgreiflichen Charakter annahm. Es war auch das Jahr, in dem Donald Trump das erste Mal US-amerikanischer Präsident wurde und sich anschickte, die westliche Nachkriegshegemonie nun auch in ihrem Kernland von innen final auszuhöhlen – auch wenn er rundheraus behauptete, das Gegenteil zu unternehmen.
Jürgen Habermas hat auch dies, wie die neuen Kriege in Europa, mit seinem kritischen Geist noch bis in das letzte Jahr begleitet. So sehr er aber Kind dieser nunmehr vergangenen Nachkriegsepoche war, so wenig bedeutet das eine Irrelevanz seiner grundlagentheoretischen Arbeiten in den nächsten Jahrzehnten. Das wird schon an den Arbeiten und Erfolgen seiner zahlreichen (im weiteren Sinne) Schüler:innen – von Axel Honneth, Klaus Eder und Claus Offe bis zu Rahel Jaeggi oder Hartmut Rosa – deutlich.
Felsch, Philipp (2024): Der Philosoph. Habermas und wir. Berlin: Propyläen.
Honneth, Axel/Joas, Hans (Hg./2002): Kommunikatives Handeln. Beiträge zu Jürgen Habermas‘ „Theorie des kommunikativen Handelns“ (3. und erweiterte Ausgabe). Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Honneth, Axel/Mc Carthy, Thomas/Offe, Claus/Wellmer, Albrecht (Hg./1989): Zwischenbetrachtungen. Im Prozess der Aufklärung. Jürgen Habermas zum 60. Geburtstag. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Iser, Mattias/Strecker, David (2010): Jürgen Habermas zur Einführung. Hamburg: Junius.
Müller-Doohm, Stefan (2014): Jürgen Habermas. Eine Biografie. Berlin: Suhrkamp.
Münch, Richard (2005): Soziologische Theorie, Bd. 3 (Gesellschaftstheorie). Frankfurt/New York: Campus, S. 261-308.