Veranstaltungsdetails

08. Juli 2026

Robotik in der Pflege – Praxis und Wissenschaft im Dialog

Was kann Robotik in der Pflege leisten und was nicht? Dieser Frage widmete sich am 1. Juli 2026 ein partizipativer Workshop im CELSIUZ Zittau, zu dem das Institut für Gesundheit, Altern, Arbeit und Technik im Rahmen des Verbundprojekts Saxony⁵ eingeladen hatte.

Mann mit Roboter
Foto: Maria Fabisch

Pflegepraxis trifft Forschung

Der Workshop wurde bewusst als partizipatives Format konzipiert. Im Fokus stand nicht ein Vortrag über Robotik, sondern ein gemeinsamer Austausch: Pflegekräfte, Einrichtungsleitungen, Digitalisierungsverantwortliche sowie einzelne Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Technik brachten ihre Perspektiven, Alltagserfahrungen und kritischen Fragen ein. Die Teilnehmenden wurden damit nicht als Zielgruppe einer Präsentation verstanden, sondern als aktive Mitgestalterinnen und -gestalter eines gemeinsamen Wissensprozesses.

Den Einstieg in den Abend bildete ein Impulsreferat von Prof. Dr. Hans Böhme der HTWD, das einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zu Robotik und assistiven Technologien in der Pflege gab und damit die Grundlage für die anschließenden Tischdiskussionen legte. Der Mittelpunkt des Abends war das World Café: Vier Tische mit je einer Leitfrage luden die Teilnehmenden dazu ein, in wechselnden Kleingruppen zu diskutieren. Nach jeder Runde wurde der Tisch gewechselt, sodass im Laufe des Abends jede Person mit den Themen aller vier Tische in Berührung kam. Am Ende wurden die zentralen Erkenntnisse im gemeinsamen Plenum zusammengetragen und reflektiert.

Stimmen aus der Praxis: Was der Workshop zeigte

Der Workshop brachte differenzierte Einblicke in die Haltungen, Erfahrungen und Bedarfe der Pflegepraxis gegenüber dem Einsatz von Robotik und digitalen Technologien hervor.

Tisch A: Chancen – Wo kann Technik unterstützen?

Mann notiert etwas auf einem großem Blatt
Foto: Maria Fabisch

Körperlich entlastende Anwendungen stießen auf die größte Zustimmung – insbesondere Hebehilfen, Unterstützung bei Mobilisierung und Lagerung sowie Systeme zur Sturzerkennung und nächtlichen Überwachung. Diese Technologien wurden als sinnvolle Entlastung wahrgenommen, die Pflegekräfte schützt und gleichzeitig die Sicherheit der Bewohnenden erhöht. Auch die digitale Pflegedokumentation und Erinnerungssysteme wurden als praktische Unterstützung im Alltag anerkannt. Deutlich zurückhaltender zeigte sich die Gruppe bei sozialen Robotern und Kommunikationsassistenten: Mögliche Einsatzfelder bei der Aktivierung von Menschen mit Demenz wurden zwar diskutiert, jedoch mit dem klaren Vorbehalt, dass menschliche Zuwendung und Beziehungsqualität nicht durch Technik ersetzt werden dürfen. Technik wurde durchgängig als Ergänzung verstanden – nicht als Substitut.

Tisch B: Grenzen – Was Technik nicht leisten darf.

Beschriebene Moderationskarten liegen auf einem Tisch
Foto: Maria Fabisch

Die Diskussion an Tisch B machte deutlich, dass es Bereiche gibt, in denen der Einsatz von Robotik und digitaler Assistenz grundsätzlich abgelehnt wird. Im Mittelpunkt stand die Frage: Was darf Technik nicht? Die Teilnehmenden waren sich einig, dass überall dort, wo körperliche Nähe, seelsorgerliche Begleitung oder individuelle Menschenwürde unmittelbar berührt werden, klare ethische Grenzen gezogen werden müssen. Pflege sei in ihrem Kern ein menschliches Verhältnis – geprägt von Empathie, Vertrauen und Beziehung. Diese Qualität könne und dürfe durch Maschinen nicht ersetzt werden. Technik wurde konsequent als Ergänzung, nicht als Substitut menschlicher Zuwendung verstanden. Besonders kritisch betrachtete die Gruppe soziale Roboter in der Sterbebegleitung sowie sensorbasierte Überwachungssysteme, die als Eingriff in die Privatsphäre und Autonomie der Pflegebedürftigen wahrgenommen werden.

Tisch C: Hemmschwellen – Wo der Weg zur Technik noch holprig ist

Mehrere Teilnhemer schauen auf eine Pinnwadnd mit Moderationskarten
Foto: Maria Fabisch

Tisch C widmete sich Hürden, die den Einsatz von Technologien in der Praxis erschweren, also Barrieren, die grundsätzlich überwindbar sind, aber derzeit vielerorts bestehen. Vier Hemmschwellen wurden besonders häufig genannt: hohe Anschaffungskosten bei unübersichtlichen Förderstrukturen; Datenschutzbedenken gegenüber sensorbasierten Systemen, die Bewegungen oder Arbeitsabläufe aufzeichnen; Generationenunterschiede in der Technikakzeptanz, insbesondere bei älteren Mitarbeitenden und Pflegebedürftigen und viertens fehlende rechtliche und haftungsrechtliche Rahmenbedingungen, die zu Unsicherheit in der Praxis führen. Übergreifend wurde deutlich: Hemmschwellen entstehen oft nicht durch die Technologie selbst, sondern durch mangelnde Einbindung der Pflegekräfte in Entscheidungsprozesse und fehlende Begleitung bei der Einführung.

Tisch D: Erfahrungen – Was die Praxis bereits weiß

Mann klebt Punkte an Whiteboard
Foto: Maria Fabisch

Die Erfahrungen aus der Praxis waren gemischt, aber aufschlussreich. Einige Einrichtungen berichten bereits von positiven Effekten durch digitale Pflegedokumentation, elektronische Kalendererfassung und KI-gestützte Formulierungshilfen. Sensormatten und Notrufarmbänder gehören vereinzelt bereits zur Standardausstattung. Wo Technik funktioniert, sind zwei Faktoren entscheidend: die individuelle Anpassung an die Bedürfnisse der Bewohnenden und eine verlässliche 24-Stunden-Anwendungsbetreuung. Wo Technik scheitert, liegt es selten an der Technologie selbst – sondern an mangelnder Schulung aller Mitarbeitenden und fehlender struktureller Einbettung. Das Ergebnis ist häufig stille Ablehnung: Systeme werden eingeführt, im Alltag aber gemieden. Die Gruppe war sich einig: Technologietransfer in die Pflege ist kein technisches, sondern ein organisationales und kulturelles Veränderungsprojekt.

Die vollständigen Ergebnisse aller vier Tische sowie abgeleiteten Handlungsempfehlungen sind in der Veranstaltungsdokumentation des GAT dokumentiert.

Zirkulärer Transfer – Von der Forschung in die Praxis – und zurück

Ein zentrales Ziel des Abends war der zirkuläre Transfer: Der wissenschaftliche Impulsvortrag zu Beginn brachte aktuelle Erkenntnisse aus der Forschung in die Praxis. Die Ergebnisse des World Cafés fließen nun in umgekehrter Richtung zurück in die Forschung des GAT. Dieses Verständnis von Wissenschaftstransfer als wechselseitigem Prozess ist kennzeichnend für den Co-Creation-Ansatz. Forschung wird nicht über die Praxis betrieben, sondern mit ihr. Problemdefinitionen, Lösungsansätze und Bewertungen entstehen somit im gemeinsamen Dialog.

Offen diskutiert, gemeinsam weitergedacht

Der Workshop „Robotik in der Pflege?" hat gezeigt, dass das Thema in der Pflegepraxis mit allem Potenzial und aller Ambivalenz angekommen ist. Die Teilnehmenden brachten ein bemerkenswertes Maß an Reflexionsvermögen und Offenheit mit. Sie äußerten Skepsis, wo Skepsis angebracht ist und erkannten Chancen, wo Technik echte Entlastung bringen kann.

Das GAT-Institut plant, die begonnenen Gespräche in weiteren partizipativen Formaten und durch Forschungsvorhaben, die die gewonnenen Erkenntnisse vertiefen, weiterzuführen.

Der Workshop wurde im Rahmen des Verbundprojekts Saxony⁵ durchgeführt, einem Transferverbund der fünf sächsischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften, gefördert durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK) im Programm „Innovative Hochschule".

M.A.
Maria Fabisch
Institut für Gesundheit, Altern, Arbeit und Technik
02826 Görlitz
Parkstraße 2
Gebäude G VII, Raum 317
2.Obergeschoss
+49 3581 374-4996