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22. Oktober 2026

Technologische Innovation als sozial eingebettete Praxis

TRAWOS-Mitglied Leonie Liemich auf der 17. Konferenz der European Sociological Association (ESA) in Warschau

TRAWOS-Wissenschaftlerin Leonie Liemich präsentierte auf der 17. Konferenz der European Sociological Association (ESA) in Warschau Forschung zur Entstehung technologischer Innovation in ländlichen Transformationsregionen

Vom 25. bis 28. August 2026 fand in Warschau die 17th Conference of the European Sociological Association statt. Die internationale Konferenz brachte mehr als 3000 Soziologinnen und Soziologen sowie Forschende angrenzender Disziplinen in mehr als 700 Panels zusammen, um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Herausforderungen zu diskutieren. Im Rahmen des Panels „Science, Technology and Society“ am 27. August 2026 präsentierte Leonie Liemich, M. A., assoziierte Wissenschaftlerin des TRAWOS – Instituts für Transformation, Wohnen und soziale Raumentwicklung der Hochschule Zittau/Görlitz, ihren Beitrag „Technological Innovation as Embedded Practice: Sociotechnical Relations in a Rural Transformation Context“.

Wie entsteht technologische Innovation in ländlichen Regionen?

Ausgangspunkt des Beitrags ist eine zentrale Beobachtung aus der Forschung zu regionalen Transformationsprozessen: Innovation entsteht nicht automatisch aus neuen Ideen oder aus der Bereitstellung von Forschungs- und Fördermitteln. Vielmehr ist technologische Innovation eng mit sozialen Beziehungen, alltäglichen Arbeitspraktiken, regionalen Strukturen und institutionellen Rahmenbedingungen verbunden. Liemich untersucht daher, wie technologische Innovation in der alltäglichen Praxis von Unternehmen und intermediären Akteuren in der Lausitz entsteht und eingebettet wird. Im Zentrum steht die Frage: Wie wird technologische Innovation durch alltägliche organisationale Praktiken und projektbasierte Beziehungen in einer ländlichen Transformationsregion hervorgebracht und verankert? Dabei knüpft die Untersuchung an die Beobachtung an, dass viele Unternehmen durchaus über neue Ideen verfügen. Die eigentliche Herausforderung liegt häufig in deren Finanzierung, Umsetzung, Markteinführung und der Koordination geeigneter Partner. Eine Aussage aus einem Interview mit einem Start-up bringt dieses Spannungsverhältnis auf den Punkt: "Die Herausforderung bestehe weniger darin, neue Ideen zu entwickeln, als darin, diese umzusetzen und gleichzeitig kurzfristige finanzielle Anforderungen zu bewältigen."

Innovation zwischen regionalen Strukturen, Projekten und Alltagspraxis

Theoretisch verbindet die Untersuchung drei Perspektiven: Embeddedness, Practice Theory und projektbasierte Innovation. Technologische Innovation wird dabei auf drei miteinander verbundenen Ebenen betrachtet. Auf der Makroebene prägen regionale Wirtschaftsstrukturen, institutionelle Rahmenbedingungen, industrielle Entwicklungspfade und externe Wissensbeziehungen die Handlungsmöglichkeiten von Unternehmen. Auf der Mesoebene bringen zeitlich begrenzte Forschungs- und Entwicklungsprojekte Partner, Ressourcen, Wissen und Kompetenzen zusammen. Auf der Mikroebene wird Innovation schließlich in konkreten alltäglichen Praktiken umgesetzt – etwa durch Problemlösung, den Umgang mit Materialien, Erfahrungswissen und die schrittweise Anpassung technischer Lösungen.

Empirischer Fokus: Das Lausitzer Bündnis „Lausitz – Life & Technology“

Empirisch basiert die Untersuchung auf dem Lausitzer Innovationsbündnis „Lausitz – Life & Technology“ (L&T) im Zeitraum von 2020 bis 2026. Die Datengrundlage umfasst zehn qualitative, leitfadengestützte Interviews mit Unternehmen, Start-ups, Forschungseinrichtungen und Intermediären. Ergänzt werden diese durch eine langfristige Einbindung der Forscherin in das Untersuchungsfeld: Leonie Liemich war über sechs Jahre als Projektkoordinatorin tätig und war unter anderem an Strategietreffen, Projektentwicklungen, Projekttreffen, Evaluationsprozessen und Projektpräsentationen beteiligt. Diese Doppelrolle als Projektkoordinatorin und Forscherin ermöglicht einen langfristigen Zugang zu den untersuchten Prozessen, erfordert zugleich aber eine explizite Reflexion der eigenen Position bei der Erhebung und Interpretation des empirischen Materials.

Eindrücke der Konferenz

Innovation entsteht im „Alltäglichen Problemlösen“

Die Ergebnisse zeigen auf der Mikroebene, dass Innovation wesentlich durch situatives Problemlösen entsteht. Wiederkehrende Praktiken sind das Erkennen von Problemen, die Neukombination vorhandener Kompetenzen bzw. auch neuerworbenen Wissens sowie das Experimentieren und gemeinsame Anpassen von Lösungen. Innovation findet damit nicht ausschließlich in formalisierten Forschungs- und Entwicklungsprozessen statt, sondern vielfach direkt in der alltäglichen Arbeit. Die untersuchten Beispiele zeigen, wie technische Lösungen durch praktische Erfahrungen, gemeinsames Experimentieren und iterative Anpassungen weiterentwickelt werden. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen „Innovation“ und alltäglicher Arbeit: Innovation ist weniger eine klar abgegrenzte kreative Phase als vielmehr ein fortlaufender Prozess des praktischen Tuns, Problemlösens und Anpassens.

Vertrauen und soziale Beziehungen als Innovationsressource

Eine weitere zentrale Erkenntnis betrifft die soziale Einbettung technologischer Innovation. Vertrauen, räumliche Nähe und gemeinsame Erfahrungen erleichtern die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Akteuren. Persönliche Beziehungen ermöglichen kurze Kommunikationswege und können teilweise formale Koordinationsmechanismen ersetzen. Vertrauen entsteht dabei insbesondere durch verlässliche Kooperationen und gemeinsame Erfahrungen aus früheren Projekten. Gleichzeitig zeigt sich ein Spannungsverhältnis: Räumliche Nähe reduziert Koordinationsaufwand, kann aber gleichzeitig den Kreis potenzieller Partner begrenzen. Für ländliche Regionen ist deshalb die Verbindung lokaler Beziehungen mit überregionalen und internationalen Wissens-, Finanzierungs- und Marktnetzwerken von besonderer Bedeutung. Die Lausitz verfügt beispielsweise über industrielles Erfahrungswissen, technische Kompetenzen und gewachsene Vertrauensbeziehungen. Gleichzeitig bestehen Defizite etwa bei spezialisierten Wissensressourcen, Kapital, internen Forschungskapazitäten und bestimmten Marktbeziehungen. Regionale Innovationsfähigkeit entsteht daher aus dem Zusammenspiel von lokaler Einbettung und externer Reichweite.

Forschungs- und Entwicklungsprojekte: Ermöglicher und Begrenzung zugleich

Besondere Aufmerksamkeit widmet die Untersuchung der Rolle von projektbasierter Forschungs- und Entwicklungsförderung. Projekte ermöglichen Unternehmen, neue Lösungen zu erproben, Ressourcen zu erhalten und komplementäre Kompetenzen zusammenzuführen. Für Start-ups können geförderte Projekte zudem Legitimität gegenüber Investoren und Partnern schaffen und Zugang zu Forschungsinfrastrukturen und ersten Demonstrations- oder Referenzanwendungen ermöglichen. Gleichzeitig können Förderstrukturen selbst Einfluss darauf nehmen, welche Innovationspfade verfolgt werden. Förderaufrufe definieren Themen und Zeiträume, administrative Anforderungen können insbesondere für kleinere Unternehmen eine Herausforderung darstellen, und bestehende Konsortien können teilweise bereits vor der eigentlichen Problemdefinition bestehen. Damit besteht die Gefahr, dass nicht immer ein konkretes regionales oder unternehmerisches Problem Ausgangspunkt eines Projekts ist, sondern umgekehrt ein passendes Thema für eine bestehende Förderstruktur gesucht wird.

Ein wesentliches Ergebnis lautet deshalb: Projekte sind keine neutralen Container für Innovation, sondern temporäre Strukturen, die Beziehungen, Wissen und Kompetenzen organisieren und dadurch Innovationsprozesse ermöglichen und prägen.

Technologische Innovation als soziotechnischer Prozess

Die Untersuchung zeigt damit, dass technologische Innovation in der Lausitz weder als isolierter Erfindungsakt noch als linearer Transfer von Forschung in Unternehmen verstanden werden kann. Vielmehr handelt es sich um eine verteilte soziotechnische Leistung, die auf der kontinuierlichen Abstimmung von Menschen, Technologien, Organisationen, Finanzierungsstrukturen und regionalen Ressourcen beruht. Gerade für ländliche Transformationsregionen ist diese Perspektive relevant. Regionale Innovationsfähigkeit hängt nicht allein davon ab, welche Technologien entwickelt werden oder welche Fördermittel zur Verfügung stehen. Ebenso entscheidend ist, wie Akteure miteinander arbeiten, welche Beziehungen aufgebaut werden, welches Wissen verfügbar ist und wie technologische Lösungen in bestehende regionale Strukturen und alltägliche Praktiken integriert werden können.

Die Präsentation auf der ESA-Konferenz in Warschau bot damit die Möglichkeit, Forschung aus der Lausitz in einen breiteren soziologischen Diskurs über Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft einzubringen und technologische Innovation als sozialen, räumlichen und institutionellen Prozess sichtbar zu machen.

Leonie Liemich am TRAWOS

Leonie Liemich hat am TRAWOS das Projekt ATRAKTIV durchgeführt und ist seitdem Institutsmitglied. 

Kontakt zu Leonie Liemich erhalten Sie über die TRAWOS-Geschäftsstelle

Anette Hefele
TRAWOS-Geschäftsstelle
Anette Hefele
Institut für Transformation, Wohnen und soziale Raumentwicklung
02826 Görlitz
Parkstraße 2
Gebäude G VII, Raum 314
2. Obergeschoss
+49 3581 374-4610
Institut für Gesundheit, Altern und Technik
02826 Görlitz
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