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15. Oktober 2026

Governing Innovation in Rural Regions

TRAWOS-Forschung auf der Konferenz „Reinventing Rural Spaces“ in Porto

Leonie Liemich, assoziierte Wissenschaftlerin des TRAWOS-Instituts der Hochschule Zittau/Görlitz, präsentierte Forschungsergebnisse zur Governance von Innovation in ländlichen Transformationsregionen

Vom 22. bis 26. Juni 2026 fand in Porto die internationale Konferenz „Reinventing Rural Spaces: Resilience, Innovation and Sustainability in a Changing World“ statt. Die Konferenz widmete sich aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen ländlicher Räume und brachte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen und Ländern zusammen. Im Mittelpunkt standen Fragen nach der zukünftigen Gestaltung ländlicher Räume angesichts von Klimawandel, demografischen Veränderungen, sozialen Ungleichheiten, technologischer Entwicklung und neuen Formen regionaler Governance. Die Beiträge der Konferenz wurden entlang von zwölf thematischen Schwerpunkten organisiert. Diese reichten von Agrar- und Ernährungssystemen, Klimawandel und Landschaftsentwicklung über soziale Vulnerabilitäten und räumliche Ungleichheiten bis hin zu Digitalisierung, Innovation, ländlichen Infrastrukturen sowie neuen Theorien und Methoden der Ruralitätsforschung. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf „Governance and Planning in Rural Areas“.

Governance als Schlüssel für regionale Transformationsprozesse

In diesem Themenfeld präsentierte Leonie Liemich, M. A., assoziierte Wissenschaftlerin des TRAWOS – Instituts für Transformation, Wohnen und soziale Raumentwicklung der Hochschule Zittau/Görlitz, ihren Beitrag „Governing Innovation in Rural Regions: The Case of Lusatia (Germany)“. Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Beobachtung, dass Innovation häufig als wichtiger Mechanismus zur Bewältigung struktureller Veränderungen in ländlichen Regionen betrachtet wird. Innovation entsteht jedoch nicht automatisch. Vielmehr wird sie durch spezifische Governance-Strukturen, Akteurskonstellationen und Entscheidungsprozesse organisiert und geprägt. Die zentrale Forschungsfrage lautet daher: Wie strukturieren, ermöglichen und begrenzen konkrete regionale Governance-Arrangements die Entwicklung von Innovationspfaden in ländlichen Transformationsregionen? Für die Analyse greift Liemich auf das Konzept der regionalen Governance-Arrangements zurück. Diese werden als zeitlich und institutionell dynamische Konstellationen von Akteuren und Institutionen verstanden, die gemeinsames Handeln koordinieren. Sie entstehen durch Aushandlungsprozesse, sind häufig fragil und projektbezogen und weisen zugleich Machtasymmetrien und unterschiedliche Interessen auf. Gerade deshalb bieten sie einen geeigneten analytischen Zugang, um Transformationsprozesse und die Herausbildung regionaler Innovationspfade zu untersuchen.

Governance in der Lausitz: Das Bündnis „Lausitz – Life & Technology“

Empirisch untersucht die Arbeit das Lausitzer Innovationsbündnis „Lausitz – Life & Technology“ (L&T), das im Rahmen des Bundesprogramms "WIR! - Wandel durch Innovation in der Region" des BFTR gefördert wurde. Ziel des Bündnisses war es, die regionale wirtschaftliche Entwicklung zu stärken und einen Beitrag zur Bewältigung des Fachkräftemangels zu leisten. Das Förderprogramm verfolgte dabei zunächst ein bewusst breites Innovationsverständnis, das neben technologischen auch organisatorische, soziale, produkt-, dienstleistungs- und geschäftsmodellbezogene Innovationen umfasste.

Im Bündnis wurden drei Innovationsfelder miteinander verbunden:

  • Additive Fertigung

  • Energiesysteme

  • Attraktive Bildungs-, Arbeits- und Lebenswelten

Insbesondere das dritte Innovationsfeld zielte explizit auf soziale Innovation und neue Ansätze regionaler Entwicklung. Methodisch basiert die Untersuchung auf einem qualitativen, prozessorientierten Fallstudiendesign. Analysiert wurden unter anderem Strategiepapiere, Zwischenberichte und weitere prozessbezogene Dokumente. Ergänzend wurden interne Reflexionsworkshops des Strategieteams einbezogen. Die Kombination verschiedener Datenquellen ermöglicht eine methodische Triangulation und eine prozessuale Rekonstruktion der sich verändernden Akteurs-, Institutions- und Entscheidungsstrukturen.

Wenn ein breites Innovationsverständnis auf technologische Dominanz trifft

Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist die Entwicklung des Bündnisses von einem ursprünglich breit angelegten Innovationsverständnis hin zu einer deutlich technologiegeprägten Innovationsentwicklung. Obwohl das Förderprogramm und das Bündnis unterschiedliche Formen von Innovation ausdrücklich ermöglichten, zeigte sich bei der Umsetzung eine deutliche Schwerpunktsetzung auf technologische Projekte. Bis 2022 wurden neun technologische Projekte mit insgesamt 6,56 Mio. Euro gefördert, während auf vier sozio-hybride Projekte 1,20 Mio. Euro entfielen. Die Analyse zeigt, dass diese Entwicklung nicht ausschließlich auf die inhaltlichen Interessen der beteiligten Akteure zurückgeführt werden kann. Vielmehr spielten konkrete Governance-Mechanismen eine wesentliche Rolle. Dazu gehörten unter anderem Förder- und Bewertungskriterien, die Zusammensetzung des Steuerungsgremiums, bestehende Förderlogiken sowie die Sichtbarkeit und Kommunikation von Projekterfolgen. Technologische Innovationen konnten dabei leichter mit messbaren Ergebnissen und wirtschaftlicher Wertschöpfung verbunden werden. Damit wird ein grundlegendes Spannungsfeld sichtbar: Was formal als Innovation gilt und was tatsächlich als förderwürdig und wertschöpfend wahrgenommen wird, kann auseinanderfallen. Soziale Innovation wurde im Fall des L&T-Bündnisses nicht formal ausgeschlossen, war aber aufgrund institutioneller Routinen, Bewertungspraxen und dominanter Vorstellungen von Wertschöpfung strukturell weniger sichtbar und damit weniger durchsetzungsfähig.

Governance als Ort von Macht und Gestaltung

Die Untersuchung richtet den Blick damit über die Frage hinaus, welche Innovationen eine Region benötigt. Entscheidend ist auch die Frage, wer innerhalb regionaler Innovationssysteme darüber entscheidet, was als relevante Innovation gilt und welche Entwicklungspfade Unterstützung erhalten. Governance-Arrangements sind demnach nicht nur neutrale Koordinationsstrukturen. Sie beeinflussen die Verteilung von Ressourcen, die Legitimität unterschiedlicher Wissensformen, die Sichtbarkeit von Akteursgruppen und letztlich die Entwicklung regionaler Innovationspfade. Für ländliche Transformationsregionen ergibt sich daraus eine wichtige Schlussfolgerung: Eine erfolgreiche Innovationspolitik benötigt nicht nur finanzielle Ressourcen und strategische Zielsetzungen, sondern auch reflexive Governance-Strukturen, die unterschiedliche Wissensformen und Akteursgruppen einbeziehen und bestehende Machtasymmetrien kritisch reflektieren.

Gestaltungsspielräume für eine ausgewogenere Innovationsentwicklung

Die Fallstudie zeigt zugleich, dass technologische Dominanz nicht zwangsläufig dauerhaft festgeschrieben ist. Innerhalb des L&T-Bündnisses wurden verschiedene Ansätze zur Weiterentwicklung der Governance diskutiert und umgesetzt. Dazu gehörten eine Diversifizierung der Steuerungsgremien, eine Anpassung von Bewertungskriterien, die Stärkung von Intermediären sowie der Austausch mit anderen regionalen Innovationsbündnissen. So wurden beispielsweise Bewertungskriterien erweitert, um neben wirtschaftlichen Kennzahlen auch Aspekte wie die Vielfalt der Partner, regionale Innovationsrelevanz, Qualifizierung und regionale Wertschöpfung stärker zu berücksichtigen. Gleichzeitig eröffneten Kooperationen mit anderen WIR!-Bündnissen aus Ostdeutschland Räume für gemeinsames Lernen und die Reflexion struktureller Herausforderungen.

Fragen aus der Diskussion: Lernen, Beteiligung und Verstetigung

Die anschließende Diskussion richtete den Blick insbesondere auf die langfristige Wirkung und Verstetigung von Governance-Erfahrungen. Dabei wurde gefragt, wie die im Rahmen des L&T-Bündnisses gewonnenen Erfahrungen mit der Steuerung von Governance-Arrangements in die weitere Regionalentwicklung einfließen und in welcher Form dieses Wissen dokumentiert und für andere regionale Akteure als Lernprozess zugänglich gemacht werden kann. Weitere Fragen bezogen sich auf die Einbindung kleinerer Partner in das Bündnis und darauf, inwieweit auch kleinere Akteure eigenständige bzw. führende Funktionen innerhalb der Governance-Strukturen übernehmen konnten. Diskutiert wurde zudem, ob die Kombination sozialer und technologischer Innovationsthemen innerhalb eines gemeinsamen Innovationssystems grundsätzlich empfehlenswert ist und unter welchen Bedingungen eine solche Verbindung erfolgreich gestaltet werden kann. Schließlich wurde die Frage nach der langfristigen Verstetigung der angestoßenen Governance-Veränderungen aufgeworfen: Inwieweit konnten die Anpassungen bei der Zusammensetzung des Beirats beziehungsweise Steuerungsgremiums sowie die erweiterten Auswahl- und Bewertungskriterien über die Laufzeit des Bündnisses hinaus in andere Governance-Strukturen der Regionalentwicklung überführt werden? Damit verbunden war die übergeordnete Frage, wie aus projektbezogenen Governance-Arrangements dauerhaft wirksame Strukturen und institutionelles Lernen für die regionale Entwicklung entstehen können.

Erkenntnisse für die Gestaltung ländlicher Transformationsräume

Die Präsentation in Porto verdeutlichte damit die Bedeutung von Governance für die Gestaltung resilienter und zukunftsfähiger ländlicher Räume. Die Ergebnisse lassen sich in drei zentralen Punkten zusammenfassen:

  1. Regionale Innovationsökosysteme besitzen verschiedene Governance-Arrangements, die auch veränderbar sind.

  2. Governance-Strukturen beeinflussen maßgeblich, welche Innovationspfade entstehen und welche Akteure und Wissensformen darin sichtbar werden.

  3. Eine technologische Dominanz ist nicht zwangsläufig, sondern kann durch veränderte Akteurskonstellationen, breitere Bewertungskriterien und stärkere intermediäre Strukturen reflektiert und verändert werden.

Damit leistet die Untersuchung einen Beitrag zur aktuellen Diskussion über die Zukunft ländlicher Räume: Resilienz und Nachhaltigkeit hängen nicht allein von technologischen Innovationen oder verfügbaren Ressourcen ab. Ebenso relevant sind die institutionellen und sozialen Bedingungen, unter denen Innovation entsteht, ausgehandelt und in regionale Entwicklungsprozesse eingebettet wird. Die Konferenz „Reinventing Rural Spaces“ bot hierfür eine internationale Plattform, um die Erfahrungen aus der Lausitz in den breiteren wissenschaftlichen Diskurs über Governance, Innovation und Transformation ländlicher Räume einzubringen und mit internationalen Forschungsansätzen zu diskutieren. Die nächste Konferenz wird 2028 in Brno in der Tschechischen Republik stattfinden. 

Kontakt zu Leonie Liemich erhalten Sie über die TRAWOS-Geschäftsstelle

Anette Hefele
TRAWOS-Geschäftsstelle
Anette Hefele
Institut für Transformation, Wohnen und soziale Raumentwicklung
02826 Görlitz
Parkstraße 2
Gebäude G VII, Raum 314
2. Obergeschoss
+49 3581 374-4610
Institut für Gesundheit, Altern und Technik
02826 Görlitz
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